Sarah Stöckmann: „Ich sehe es als Herausforderung“

"Wir sind verdammt stolz auf dich, Sarah"

Sarah Stöckmann: „Ich sehe es als Herausforderung“

Sarah Stöckmann, hier beim Training auf der Brune Naht in Immenbeck, möchte die U 14 des JFV Buxtehude bis in den Herrenbereich begleiten. Fotos: Scholz

BUXTEHUDE. Die Fußballerin Sarah Stöckmann (26) hat die glorreiche Zeit beim TSV Eintracht Immenbeck erlebt. Heute spielt sie Fußball beim Hamburger SV, trainiert eine Nachwuchsmannschaft beim JFV Buxtehude und arbeitet an ihrer B-Lizenz. Und das soll nicht das Ende sein.

Es ist ein heißer Tag im Juni während im Mannschaftssport der Körperkontakt verboten ist. Und doch sind die Kunstrasenplätze der Brune Naht in Immenbeck rappelvoll. 50 Kinder und Jugendliche tummeln sich an diesem Sommerabend auf den Feldern. Darunter die U 14-Fußballer des JFV Buxtehude. Rund 30 Kinder, die sich jeweils zu zweit gegenüberstehen und minutenlang die Bälle zuspielen. „Wir lassen es heute etwas entspannter angehen“, sagt Sarah Stöckmann. Wegen der Hitze.

Stöckmann, weiß-rotes Shirt, die Haare zum Zopf gebunden, ist eine von fünf Trainerinnen und Trainern der U 14. „Sarah ist nicht nur eine ausgezeichnete Fußballerin“, sagt Trainerkollege Ingo Merkens, sie sei auch eine empathische, akribische und intelligente Trainerin. Merkens ist sich sicher, dass Stöckmann als Trainerin in den Leistungsbereich finden werde.

Stöckmann selber sagt, sie wolle die derzeitige U 14 gerne bis in den Herrenbereich begleiten und könne sich auch vorstellen, irgendwann leistungsorientiert zu arbeiten, bei einem namhaften Verein. Wer ist dieses vermeintliche Trainertalent, diese vermeintlich ausgezeichnete Fußballerin?

Die Fußballerin

Stöckmann, aufgewachsen in Bad Fallingbostel, hat bereits einen großen Teil ihres Lebens in Buxtehude verbracht. Wegen des Fußballs. 2009 spielte sie erstmals für Immenbeck und pendelte drei Mal die Woche aus dem Heidekreis in den Kreis Stade. „Irgendwann wollte ich meine Familie damit nicht mehr belasten“, sagt Stöckmann. Sie zog nach Buxtehude, kam bei ihren Mitspielerinnen Maleen und Sophie Gerkens unter.

Die Frauenmannschaft war damals das Aushängeschild des TSV Eintracht Immenbeck. Sie marschierte in die dritte Liga, stand 2010/11 an der Schwelle zur zweiten. „Das war fußballerisch das Höchste für mich“, sagt Stöckmann. Sie war Stammspielerin, fühlte sich wohl in diesem familiären Umfeld. Doch sportlich ging es bergab in Immenbeck. Abstieg, Abgänge. Die Defensivspielerin sah keine Perspektive mehr, wechselte nach fünf Jahren zum SV Henstedt-Ulzburg, zweite Liga. Nach drei Jahren ging es weiter zum VfL Jesteburg, Regionalliga.

Heute sagt Stöckmann: „Ich war wahnsinnig traurig darüber, was in Immenbeck passiert ist.“ Zuletzt war die Frauenmannschaft in die Kreisliga abgestiegen. Zur Saison 2019/20 wurde keine Mannschaft gemeldet.

Aktuell spielt Stöckmann beim Regionalligisten Hamburger SV. Wieder so ein einstmals erfolgreicher Verein. Der HSV gewann 2010/11 die zweite Liga, zog sich aber aus finanziellen Gründen zurück und peilt nun die Rückkehr an. Das Fernziel laute erste Liga, so Stöckmann. Sie sei extrem motiviert, habe extrem viel Lust, beim HSV ambitioniert Fußball zu spielen. Mit 26 gehöre sie dort schon zum „alten Eisen“, sagt sie. „Ich denke aber, dass mein Körper das noch ein paar Jahre mitmacht.“

Neben dem Fußball absolvierte Stöckmann ihre Ausbildung zur Erzieherin. Sie berichtet von der großen Belastung, dem Verzicht. Schule, Ausbildung, Job, das alles müsse nebenher laufen, wenn man hochklassig Frauenfußball spielen wolle. „Es war nie daran zu denken, den Lebensunterhalt damit zu verdienen“, sagt Stöckmann. Fahrgeld und mal ein neues Paar Fußballschuhe seien bisher das Höchste der Gefühle gewesen für eine Fußballerin, die schon in der zweiten Liga spielte.

Was macht es mit einem, wenn man weiß, dass die männlichen Kollegen zu den Topverdienern gehören? Das sei kein Thema, sagt Stöckmann. „Der Aufwand für uns Frauen ist durch den Spagat zwischen Sport und Arbeit mindestens der gleiche. Es macht aber wenig Sinn, in Melancholie zu verfallen, weil Männer mehr verdienen.“

Die Trainerin

Die U 14-Fußballer spielen „blinde Kuh“. Jeweils ein Spieler pro Mannschaft trägt eine Augenbinde, die anderen steuern ihn durch ihre Ansagen über das kleine, abgesteckte Feld, solange bis der Ball im Tor versenkt wird. „Die Kinder sollen auch Spaß im Training haben“, sagt Stöckmanns Trainerkollege Ingo Merkens. Die Kinder lachen, als ein „blinder“ Spieler mit dem Ball am Fuß wenige Zentimeter am Tor vorbeimarschiert.

Sarah Stöckmann trainiert mit einigen Unterbrechungen seit gut zehn Jahren Fußball-Mannschaften. Anfangs coachte sie ihre jüngere Schwester in einer Mädchenmannschaft, übernahm nach dem Umzug eine Jungenmannschaft bei der JSG Apensen/Harsefeld. Seit 2018 trainiert sie die U 14-Jungs beim Jugendförderverein Buxtehude, kurz JFV. Das ist sozusagen der gemeinsame Nachwuchsbereich der Buxtehuder Vereine Eintracht Immenbeck und Hedendorf/Neukloster.

„Ich habe das Gefühl, dass ich Jüngeren den Spaß am Fußball vermitteln kann“, sagt Stöckmann. Im Jugendfußball sei zum einen die eigene Persönlichkeit, der Umgang mit Kindern wichtig: „Du kannst noch so qualifiziert sein, wenn du die Kinder auf der menschlichen Ebene nicht erreichst.“ Und genauso wichtig sei ein gewisses Fußball-Know-how, ohne das könne es eine Frau, die Jungs in der Pubertät trainiere, schwerer haben, sagt Stöckmann.

Ist das nicht ernüchternd, mehr tun zu müssen als männliche Trainer, um die Kinder zu erreichen? „Ich sehe es als Herausforderung“, sagt Stöckmann. Auch wenn der Mädchen- und Frauenfußball immer mehr Ansehen erlange, sei es kein Geheimnis, dass Fußball nun mal eine mehrheitlich von Jungen und Männern gespielte Sportart sei. „Die Jungs wollen sehen, ob was dahintersteckt“, sagt Stöckmann. Man müsse sich behaupten. Mit einem guten Selbstbewusstsein und der eigenen Überzeugung sei das möglich.

Trainer Ingo Merkens: „Sarah ist nicht nur eine ausgezeichnete Fußballerin.“

Auch beim derzeitigen Trainerlehrgang beim Niedersächsischen Fußballverband (NFV) ist es kaum anders. Stöckmann ist bei den Einheiten an der NFV-Akademie in Barsinghausen eine von zwei Frauen neben 23 Männern, die allesamt an ihrer B-Lizenz arbeiten und damit Junioren- und Juniorinnen-Mannschaften unterhalb der Bundesliga und alle Frauenteams unterhalb der zweiten Liga trainieren dürften.

Stöckmann hat Bildungsurlaub genommen, um die Ausbildungswochen mit mehrtägiger Prüfung bis September zu absolvieren. Und die Bedingungen sind anders als sonst. Durch die Corona-Auflagen können derzeit laut NFV „nur einige passende Lehrmaßnahmen“ umgesetzt werden. Beim sportlichen Teil der Ausbildung werde darauf geachtet, den vorgeschriebenen Abstand einzuhalten. Stöckmann ist dennoch „total froh, dass es endlich wieder weitergeht“.

Stöckmann bezeichnet sich selbst als fußballverrückt. „Auch an freien Tagen sind wir auf den Fußballplätzen unterwegs“, sagt sie. Wir – das sind sie und Ingo Merkens. Der frühere Frauentrainer entdeckte die Fußballerin beim SC Tewel, holte sie nach Immenbeck und begleitete sie auch danach bei ihren Stationen im Frauenfußball. „Daraus hat sich eine gute Partnerschaft entwickelt“, sagt Merkens. Die beiden sind seit mehreren Jahren ein Paar.

Merkens schwärmt von der Trainerin Sarah Stöckmann. Sie sei durch ihren pädagogischen Hintergrund als Erzieherin einfühlsam im Umgang mit Kindern, aber auch willensstark. Und vor allem sehr akribisch. „Sie schreibt und zeichnet sich jede Übung auf, das ist alles sehr durchdacht“, sagt Merkens. Dass der Zulauf in der U 14 des JFV Buxtehude groß sei, liege auch an Stöckmanns Art und Weise, die Kinder zu trainieren.

Für Merkens ist klar: Die B-Lizenz wird nicht Stöckmanns letzte sein. Und der JFV Buxtehude nicht die Endstation.

Sarah Stöckmann und Ingo Merkens rufen alle Spieler während des Trainings an diesem heißen Sommertag herbei. Sie sitzen in einem großen Kreis auf dem Kunstrasen im vorgeschriebenen Abstand. Die Sonne scheint über der Brune Naht, und der Betreuer der Mannschaft öffnet eine Kühltasche. Die Kinder greifen nach und nach hinein. Eine Überraschung: Eis für alle.

Quelle: Tageblatt.de – Tim Scholz